Vom Lernen – Eine kleine Einstimmung:

„Es gibt sehr viele Definitionen, was Lernen ist. Praktisch jede Lernpsychologen-Schule hat ihre eigene, je nachdem, wie die grundsätzliche Herangehensweise gelagert ist.
Ich habe in der intensiven Beschäftigung mit der Sache eine Position gefunden, in der ich mich „sehr wohl“ fühle:
Lernen als relativ dauerhafte Veränderung in den Verhaltensmöglichkeiten des Individuums (= Verbesserung der Individualfitness) zu verstehen, deckt alle Facetten ab, die sich aus der Problematik ergeben und gleichzeitig schließt es das aus, was, trotz gegenteiliger Beteuerung vieler hyperaktiver Chaos-Pädagogen, Lernen eben nicht ist: Sinnloses Pauken. (Machen Sie schulisches Lernen nicht nur zu einem Dressurakt aus Auswendiglernen und Abfragen! Wiederkäuen ist schließlich keine Gehirnaktivität, wie leider fälschlicherweise angenommen wird.)
Anpassungen finden praktisch immer statt. Lebewesen, die in ihrer Fähigkeit zu lernen genetisch eingeschränkt sind, können dieser Anpassung nur sehr eingeschränkt nachkommen, d.h. die Veränderung ihrer Verhaltensmöglichkeiten ist sehr begrenzt. Ein Beispiel: Ein balzender Wellensittichhahn wird in Ermangelung eines Weibchens sein eigenes Spiegelbild anbaggern, und das auch, wenn ihm später ein Weibchen beigegeben wird. Er kann also weder begreifen noch lernen (sprich sein Verhalten verändern!), wird sich nicht fortpflanzen können und damit „aussortiert werden“. Andererseits erkennen Vögel im Winter, dass eine Holzeule (Feindbild!) durchaus ein Futterspender sein kann: Sie haben eine Veränderung ihrer Verhaltensmöglichkeiten herbeiführen können und damit ihre Überlebenschancen verbessert. Vögel, die das nicht können, verhungern.
Gehen wir in die Schule: Zu erkennen, dass angepasstes Verhalten (Klappe halten, mitarbeiten – oder wenigstens so tun als ob!) Vorteile bringt, ist in vielen „Anstalten“ der Schlüssel zum Erfolg. Schüler variieren ihr Verhalten (passen es an) und erweitern damit ihre Verhaltensmöglichkeiten relativ dauerhaft. Relativ dauerhaft deshalb, weil gewisse Vorteile bei veränderten Bedingungen verschwinden können, was es dann auch ratsam macht, eine neue Verhaltensänderung zu bewerkstelligen. Alles, was Kinder lernen wollen/sollen/müssen, muss unter dem Gesichtspunkt der Verbesserung ihrer Individualfitness betrachtet werden (Diese Frage stellt das Unterbewusstsein, jener übermächtige Lenker unserer Seele, permanent: Was nützt es, was bringt es mir, wenn ich das weiß/kann?). Die Facetten dieser Verbesserung sind vielgestaltig. Eine Auswahl:
1. Es macht mir – dem Lernenden – Freude, das zu lernen.
2. Es hilft mir, meine Probleme zu lösen oder andere Probleme zu vermeiden.
3. Es hilft mir, Ziele zu erreichen (intrinsisch oder/und extrinsisch motiviert).
4. Ich weiß, dass ich anderen damit eine Freude mache.
5. Es gibt eine Belohnung dafür/ich werde bestraft, wenn ich es nicht tue.
Jeder Punkt zeigt, dass es sich immer um Anpassung der Verhaltensmöglichkeiten handelt, die Kosten-Nutzen-Rechnung stellt die Natur immerzu und vor allem gnadenlos an! Das Kuriose dabei ist: Das menschliche Gehirn hat einen nicht zu bändigenden Drang zu lernen, es wird von einer nie versiegenden Neugierde angetrieben und – vor allem – es lernt selbst und ständig, auch wenn es dem Hirnbesitzer gar nicht bewusst wird.
Nun die „negative Beweisführung“: Kinder sollen grammatikalische Regeln lernen, deren Nutzen sich ihnen nicht im Geringsten erhellt (Eltern bestärken ihre Kinder unbewusst, weil sie mit den aufgesetzten Regeln meist ebenso wenig anfangen können!). Das Unterbewusstsein signalisiert: Kein Nutzen! Das Bewusstsein, schließlich handelt es sich um einen willigen Schüler, hält dagegen: Du brauchst es für die nächste Lernkontrolle. Also werden die Informationen (=Grammatikregeln) zwischengespeichert, sind für eine kurze Phase abrufbar (=Anpassung der Verhaltensmöglichkeiten), werden dann aber wieder vergessen (da ist wieder das Adjektiv relativ!). Diesen Zustand erleben wir in der Schule tagtäglich. Da die Wissensportion nur für einen zeitlich sehr begrenzten Rahmen und inhaltlich auch nur in einem extrem engen Kontext zur Verfügung steht, kann im Sinne der Definition nicht von Lernen gesprochen werden. Ich nenne es „Bulimie – Pauken“: Wissensportion rein fressen – am nächsten Tag aufs Arbeitsblatt „kotzen“ – eine gute Benotung abfassen - und alles ist wie vorher: Gähnende Leere im Gehirn. Eine Veränderung in den Verhaltensmöglichkeiten ist nicht erfolgt, es wurde also nichts gelernt, auch wenn die Zeugnisnoten das Gegenteil sagen. Genau das ist das Dilemma unserer Schulen: Nutzloses Pauken statt sinnvollem Lernen. Ich weiß, dass das viele Betroffene das so oder so ähnlich tagtäglich erleben.
Die Sachlage wird verschärft durch Tatsachen, die die neurobiologischen Forschungen der letzten Jahre aufgedeckt haben: Das frühkindliche Gehirn ist sehr unstrukturiert, gleichzeitig aber lernbegierig wie ein trockener Schwamm. Es giert nach Lernimpulsen, d.h. nach Interaktionen mit seiner Umwelt. Verblüffend dabei ist, dass unsere sensorischen Systeme in den ersten 10 Lebensjahren sehr viele Phasen durchlaufen, die dem, von Altmeister Lorenz beschriebenem, Prägungslernen bei Gänsen, sehr ähnlich sind. Fehlen in diesen sensiblen Phasen die nötigen Inputs (vielleicht weil die lieben Erzeuger mehr mit sich und dem Fernseher als mit ihrem Kind beschäftigt sind), werden bestimmte Interaktionsmuster mit der Umwelt nicht oder nur unzureichend gelernt. Das Kind erleidet Defizite in seiner Bildungsbiografie. Je eingeschränkter nun auch noch die intellektuellen Möglichkeiten eines Individuums sind (genetische Vorgabe!) und je defizitärer dessen Bildungsbiografie ist, umso schwerer wird es sich mit dem „Schullernen„ tun. Deshalb ist es gerade für diese Kinder sehr wichtig, kurzfristige Nutzenerlebnisse (AHA-Effekt) zu organisieren, genau deshalb, weil nur dann Verhaltensvariationen ins persönliche Repertoire eingebaut werden, also Lernen (= Netzwerkbildung im Gehirn) erfolgte. In diese Netzwerke kann sukzessive neues Wissen und Können eingebettet werden.
Umgekehrt: Je intelligenter ein Schüler „von Natur aus ist“ und je positiver sich dessen Bildungsbiografie gestaltet hat, umso diffuser kann der Lernnutzen sein, d.h. die möglichen Motivationsebenen werden immer verschwommener und vor allem auch vielfältiger. Ein leistungsstarker Schüler vom Gymnasium (insofern er dort auch wirklich hingehört) kann weit stärker L-Modular lernen, also auf der Ebene der Abstraktion, vielleicht schon deshalb, weil er das intrinsisch motivierte Ziel hat, einen ganz bestimmten Beruf zu erlernen und instinktiv ahnt, dass er genau diese Lernportion zum Erreichen des Zieles braucht. Ein Sekundarschüler ist da oft einfacher konstruiert. Für ihn gibt es kaum „Fernziele“, seine Motivation ist auf Nahziele ausgerichtet und häufig auch personengebunden. Er muss wesentlich stärker R-Modular, also auf Ebene der Anschaulichkeit, beschult werden, weil dann natürliches und damit gehirngerechtes Lernen stattfindet. (Das heißt im Umkehrschluss natürlich nicht, dass gehirngerechtes Lernen am Gymnasium unsinnig ist. Grundsätzlich ist festzustellen, dass es für alle Lernenden die optimalste Form darstellt.) Die vielen „Benimm-Regeln“ in der Schule illustrieren, was gemeint ist: Die Regel ist etwas abstrakt Formales, der Schüler begreift oft weder Sinn noch Nutzen, wird also mehr oder weniger regelmäßig dagegen verstoßen, Strafen empfangen und sich ungerecht behandelt fühlen. Wird die Regel aber gelebt (sprich ihr Einhalten als notwendig erkannt = Nutzen!), zum Beispiel in einem Theaterteam, dann wird sie Teil der erweiterten Verhaltensmöglichkeiten. Der Hirnbesitzer hat etwas gelernt.“
(Auszug aus meinem Fortbildungsprogramm zur Lernpsychologie)
Ich arbeite seit über 20 Jahren als Lehrer, Erwachsenenbildner, in der Lehrerausbildung, als Lehrbuchherausgeber und -autor und als Lerntrainer.
Schwerpunkte meiner Arbeit liegen auf den Gebieten:
- Coaching von Privatpersonen (Schule, Beruf, Partnerschaft, allgemeine Lebenskrisen)
- Coaching von Teams (Evaluation, Burn out Beratung)
- Diagnose/ Beratung von/ bei Lernstörungen u. -schwächen
- SCHiLF / Fortbildungsveranstaltungen für Lehrer und Eltern (z.B. Lernpsychologie; Methodentraining; Fächerübergreifender und fächerverbindender Projektunterricht; Theaterpädagogik)
- Motivationstraining
- (Musiktherapie und Farbtherapie)
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